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FALLSTUDIE |MOSAMBIK: GEWALT AUSSER KONTROLLE

Anfang November 2020 wurden fünfzehn Jungen und fünf Erwachsene, die in einem kleinen Bauerndorf namens 24 de Março im Distrikt Muidumbe an einem Initiationsritus für Teenager teilnahmen, von Milizionären des Islamischen Staats (IS) mit Macheten enthauptet. Anschließend brachten die Dschihadisten die Leichen ihrer Opfer zu einem Fußballfeld im Dorf Muatide.[1] Bei einem ähnlichen Überfall, der etwas später ebenfalls von Dschihadisten im gleichen Distrikt begangen wurde, wurden 30 Jugendliche und Erwachsene enthauptet. Ihre Leichen wurden ebenfalls nach Muatide gebracht und dort in grausamer Weise zur Schau gestellt, um „die örtliche Gemeinschaft in Angst und Schrecken zu versetzen.“[2]

Diesen Massakern ging ein Massenangriff im April 2020 voraus, bei dem schätzungsweise 52 Männer im Dorf Xitaxi (Distrikt Muidumbe) getötet wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, sich den Dschihadisten anzuschließen.[3] In einer Erklärung gegenüber dem staatlichen Fernsehsender TVM sagte Polizeisprecher Orlando Mudumane: „Die Verbrecher haben versucht, junge Leute für ihre Reihen zu rekrutieren, doch es gab Widerstand. Das verärgerte die Verbrecher, die willkürlich und auf grausame und diabolische Weise 52 junge Menschen töteten.“[4]

Diese Beispiele verdeutlichen einen wachsenden Trend der extremen Gewalt und des Mordens in Mosambiks nördlicher Provinz Cabo Delgado. Berechnungen zufolge hat die mit dem IS verbundene fundamentalistische Gruppe Ansar al-Sunnah Wa-Jama (lokal auch al-Shabaab genannt) in den letzten drei Jahren mehr als 2.500 Zivilisten getötet und über 570.000 Menschen vertrieben.[5]

Der Siegeszug des islamistischen Extremismus im Norden Mosambiks ist ein komplexes Phänomen, das mehrere Ursachen hat. Zu den Faktoren, die die schnelle Ausbreitung und Rekrutierungsfähigkeit dschihadistischer Netzwerke begünstigen, gehören Armut und Korruption; schwache staatliche Strukturen; fehlende Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten; die Ankunft transnational agierender krimineller Netzwerke, die vom illegalen Handel mit Holz, Edelsteinen, Gold oder Drogen profitieren; Frustration in der einheimischen Bevölkerung, die von den Gewinnen aus Bodenschätzen ausgeschlossen ist; Missstände infolge repressiver Maßnahmen der Sicherheitskräfte; fehlende Landrechte; und fundamentalistische Einflüsse aus Ländern wie Saudi-Arabien und Somalia. Diese Ursachen, die den Aufstieg von Gruppen wie al-Shabaab begünstigen, spiegeln ein ähnliches Muster und eine ähnliche Dynamik islamistischer Radikalisierung und extremer Gewalt wider, wie sie auch in anderen Gebieten (z. B. im Tschadseebecken, in der Sahelzone und in Somalia) zu beobachten sind.

Ungeachtet der Tatsache, dass alle Akteure die Notwendigkeit anerkennen, der Suche nach Lösungen für die sozioökonomischen Ursachen des Konflikts Priorität einzuräumen, war die Reaktion bisher vor allem militärisch – was die Spirale der Gewalt noch beschleunigt hat. Für Luis Fernando Lisboa, den ehemaligen katholischen Bischof von Pemba, der Hauptstadt von Cabo Delgado, ist die einzige nachhaltige Antwort auf den gewalttätigen Extremismus in der Provinz soziale Gerechtigkeit.

QUELLEN

[1] “By the Numbers: Cabo Delgado, October 2017-November 2020”, 10. November 2020, Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED); https://acleddata.com/2020/11/10/cabo-ligado-weekly-2-8-november-2020/

[2] “With Village Beheadings, Islamic State Intensifies Attacks in Mozambique”, The New York Times, 11. November 2020, https://www.nytimes.com/2020/11/11/world/middleeast/Mozambique-ISIS-beheading.html

[3] "Mozambique villagers 'massacred' by Islamists", BBC News, 22. April 2020, https://www.bbc.com/news/world-africa-52381507 (abgerufen am 12. Januar 2020).

[4] "Dozens killed in Mozambique for refusing to join terrorists", DW News, 22. April 2020; https://www.dw.com/en/dozens-killed-in-mozambique-for-refusing-to-join-terrorists/a-53211140

[5] "Mozambique Insurgents Attack in Total’s LNG Concession Area", Bloomberg News, 2. Januar 2021; https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-01-02/mozambique-insurgents-attack-within-total-s-lng-concession-area